Interview in Pioneers Club PCU: Ausflüge in andere (Unternehmens-)Kulturen – Marc Gasser und seine Erfahrungen in Südkorea

Ausflüge in andere (Unternehmens-)Kulturen – Marc Gasser und seine Erfahrungen in Südkorea[1]

Im vergangenen Herbst war der studierte Wirtschaftsinformatiker Marc Gasser unterwegs in Korea, um dort ein für die Koreaner ungewöhnliches Produkt an den Mann zu bringen: Eine Plattform, durch die jeder Mitarbeiter einer Firma etwas zu sagen hat und Ideen einbringen kann. Für das gesellschaftlich noch sehr traditionelle Korea ein Kopfstand. Wie Land und Leute auf so eine Idee reagieren, und was Korea als Markt ansonsten interessant macht, schildert er prägnant dem PCU.

Marc, du warst letzten Herbst für Astina in Korea. Wie hast du die Zeit dort erlebt?

Da wir eine Sales-Niederlassung für eine Plattform im Bereich Innovationsmanagement aufbauen wollten, waren die Leute skeptisch, aber auch neugierig. So was widerspricht völlig gegen Kultur und Strukturen der Koreaner. Dort herrscht eine Top-Down-Hierarchie.

Ansonsten ist man da als Westeuropäer schon eher ein Exot. Wenn man dort in der Stadt ist, sieht man schon mal zwei, drei Tage keine Ausländer, keine westlichen Leute. Die, die man sieht, sind meistens amerikanische Soldaten, allenfalls noch Japaner und Chinesen, die in Korea arbeiten. Es gibt immer noch die Fälle, in denen die kleinen Kinder mit großen Augen lachend auf dich zeigen und schreien “Eeehh, Oegugin!”, was so viel wie “Ausländer” heißt.

Ist es einfach oder schwierig in Korea Geschäfte zu machen?

(Überlegt) Naja, das ist schwierig zu sagen. Korea ist, ich habe das angesprochen, kulturell recht anders. Dort wird man erst Freunde, man lernt die Leute kennen, man geht mit denen Essen, man trinkt mit denen, man trinkt noch was mit denen, man isst noch was mit denen (lacht). Man lernt die Familie kennen und so weiter. Wenn irgendwann die Freundschaft steht, dann beginnt man Geschäfte zu machen. Jemand meines Alters und meiner Position ist dabei für einen koreanischen Geschäftsmann schon sehr speziell. Die Koreaner sind es gewohnt, in einem großen Unternehmen anzufangen und sich über 30, 40 Jahre hoch zu arbeiten. Erst dann erntet man die Früchte und befindet sich in einer Position, wo man über andere bestimmen und Entscheidungen treffen darf, ein Manager-Job. Alter ist in Korea ein riesen Thema. Jemand der alt ist, bekommt automatisch Respekt – der junge, der muss erst mal arbeiten – ein bisschen überspitzt gesagt.

Provokativ ist es daher schon ziemlich, wenn ein junger Typ aus der Schweiz kommt, kulturell unangepasst, Fehler beim Abendessen macht, und dann noch behauptet Chef einer Firma zu sein und Geschäfte machen zu wollen. Allerdings hat die Schweiz einen guten Ruf, das hilft, und die ganz innovativen beziehungsweise westlich orientieren Firmen, die sind dann wirklich interessiert.

Dein Produkt ist damit ja etwas sehr Ungewöhnliches für die dortigen Strukturen. Sind die Koreaner offen und kreativ genug, dass sie damit etwas anfangen können?

Häufig ist es wirklich so, dass die Koreaner ein bisschen verloren sind, wenn sie die Aufgabe bekommen, “mal kreativ” zu sein und “Innovationen reinzubringen”. Dann fragen sie sich: “Bin ich jetzt kreativ oder muss ich gegenüber meinem Chef Rechenschaft ablegen und bereits Projekte definieren?” Die Koreaner sind grundsätzlich nicht weniger kreativ als die Schweizer, aber die Kultur fördert Kreativität nicht sonderlich. Sie darf erst benutzt werden, wenn man einen gewissen Status erreicht hat. Es verlangt extrem viel, dass die Firmenkultur sich derartig öffnet und die Leute sich getrauen und ebenso verpflichtet fühlen, etwas beizutragen, nicht in Form der normalen Arbeitsleistung, sondern über den Tellerrand hinweg gedacht. Sobald dieser Knoten mal geplatzt ist, haben die Koreaner ein großes kreatives Potenzial.

Hattest du Kontakt zu dort ansässigen Start-ups und Jungunternehmern?

Das schon, ich habe jedoch feststellen müssen, dass die Start-up-Kultur dort noch wenig vertreten ist. Sie kommt langsam auf, allerdings Korea bisher ein Land der Großfirmen, seien es lokale oder internationale, die ins Land kommen. Eine westliche Firma von unserer Größe jedoch, das gibt es wie nicht. Dementsprechend kommt die Start-up-Kultur langsam ins Rollen und wird aktiv durch die Politik unterstützt, steckt aber wirklich erst in den Kinderschuhen. Ich habe großen Respekt vor den Leuten, die ein Start-up in Korea gründen, das ist noch etwas vollkommen anderes als in der Schweiz, da ist kulturell noch ein ganz anderes “mind set” als hier.

Gibt es denn bereits spezielle Förderungen in Korea für Jungunternehmer und Start-ups? Und gibt es den gesellschaftlichen Rückhalt?

Gesellschaft ist ein wichtiger der Punkt. Ich hatte das Gefühl, man darf da nicht “failen”, man darf nicht verlieren, sondern muss quasi “step-by-step” immer weiter nach oben kommen. Der Aufstieg gestaltet sich dabei zusätzlich als sehr kompetitiv: man muss die schönere Frau haben, man muss das bessere Auto haben, das bessere Apartment, die bessere Location für das Büro… Das ist gesellschaftlich stark verankert. Wenn man ein Start-up hat, ist das okay, solange man erfolgreich ist. Das Risiko da zu “failen” ist zwar nicht größer, es ist jedoch gesellschaftlich weittragender als in der Schweiz. Daher ist der Druck größer.

Politisch ist Korea momentan sehr spannend. Vor 30 Jahren war da noch gar nichts. Es hat keine im Entferntesten so entwickelte Industrie wie heute. Das ist in dieser Zeit extrem vorangegangen. Aktuell sind Wahlen, wo es um den neuen “Major” geht. Das ist für die Entwicklung und Förderungskultur für Start-ups ziemlich relevant, denn, ob sie mehr gefördert werden oder nicht, hängt sehr stark von der Regierung ab. Als ich im Herbst in Korea war, waren Vorwahlen und es hat der Kandidat gewonnen, der eine Förderung nicht so fordert. Von dem her bleibt zu beobachten, was neu passiert. Ansonsten gibt es vier, fünf Initiativen, wo es aber mehr in Richtung Businessplan-Championship geht.

In welchen Gebieten sind die Koreaner besonders fortschrittlich und wo stecken sie noch in den Kinderschuhen?

Fortschrittlich… (überlegt). Ich habe den Eindruck, dass sie uns in vielen Dingen voraus sind. Natürlich gibt es Punkte, die wir als Schweizer, als Westeuropäer, als “hintendrein” empfinden. Ich kann allerdings nicht unbedingt sagen, dass sie überall in den Kinderschuhen stecken, wo wir finden, das sei so. Das hat mehr etwas mit kulturellen Gewohnheiten und Unterschieden zu westlichen Kulturen zu tun. Darum ist “Kinderschuhe” ein gefährliches Wort. Wo sie uns definitiv voraus sind, sind technische Sachen. Aber auch im Business ist die Entscheidungskultur sehr ambitioniert. Wenn irgendetwas gemacht werden muss, ZACK, am Tag danach ist es bereits voll am Laufen und innert kürzester Zeit verändert. Dort wird ein unglaublicher Drive an den Tag gelegt. Ich war während meiner Koreareise zwischenzeitlich zwei Wochen im Ausland. In diesen zwei Wochen haben in der Straße, wo ich wohnte, drei neue Restaurants, vier neue Businesses aufgemacht und vier haben zugemacht. Ich dachte nur WOW! Und all das in zwei Wochen. Die Leute sind so motiviert und intensiv im Arbeiten. Deshalb ist es gefährlich zu fragen, “Wer ist da weiter?” Was bei Korea auf jeden Fall eindrücklich ist, ist, dass sie mit Volldampf auf die Weltspitze zufahren.

Kann sich die Schweiz eine Scheibe von dieser Entscheidungsfreude und dem Enthusiasmus abschneiden? Die Schweizer Unternehmenskultur ist ja dafür bekannt, dass viel diskutiert wird…

(lacht) Genau das ist eine interessante Beobachtung. Im Business sind die Koreaner wirklich schnell und teilweise sogar recht unbürokratisch. Es gibt Bereiche, wo das Gegenteil zutrifft, aber meistens ist es so “zack zack zack, da geht was”. Weiter sie haben kulturell verankert, dass ein “Das geht nicht.” nicht in den Köpfen steckt. Wenn der Chef etwas sagt, dann versucht man es auszuführen, egal, ob es schwierig oder sogar einfach nicht möglich ist. Wir sagen da schnell: “Das geht nicht.” Und Punkt.

Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass Korea zwar ein unglaublich spannendes Land ist, aber länger dort zu leben kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt da wenig legere Momente. In der Schweiz ist es doch noch wichtig, am Wochenende mit der Familie in die Berge zu fahren oder am Abend gemütlich ein Bier mit Kollegen zu trinken. Dieses “gemütlich”, das gibt es in Korea kaum. Ähnlich ist es bei den Ferien: Die Koreaner haben ohnehin sehr wenig Urlaubstage. Dass man diese dann auch noch am Stück nimmt, ist ziemlicher Luxus tut kaum einer. Und ich arbeite schon gerne, dennoch brauche ich den Ausgleich im Privaten. Und das hat keinen Platz in Korea.

Konntest du durch deine Reise etwas für Astina mitnehmen?

Ich durfte unglaublich interessante und erfahrene Menschen kennenlernen. Das ist eine tolle Sache, die mir viel geholfen hat. Ich war beim Botschafter, durfte europäische Handelskammern, zum Beispiel die von Deutschland und Schweden, besuchen, und durch Empfehlungen sogar mit CEOs von riesen großen Firmen sprechen. Die haben mit einem Alter von teilweise 60 oder 70 Jahren einen derartigen Erfahrungsschatz. Sie waren meistens selbst dabei, das Unternehmen richtig aufzubauen. Wenn diese Menschen einem die Chance geben, sich mit ihnen auszutauschen darüber zu sprechen, wie sie das gemacht haben, was die Schwierigkeiten waren, was sie von Hierarchien… Dann ist das eine große Bereicherung.

Wenn ein Unternehmen in den internationalen Markt einsteigen will; Ist Korea ein geeignetes Land, um den Feldversuch zu starten?

Lass mich das ein bisschen umformulieren: “Going international” ist eine Frage, die sich jedes Unternehmen stellen muss. Wenn man Korea als Zielland auswählt, sagen viele “Das geht nicht wegen dem und dem. Das ist viel zu klein…” Ich habe allerdings ein wenig die Angewohnheit, dass ich, wenn 70% sagen es geht nicht, es erst recht wissen will. Aus diesem Grund haben wir eine extensive Analyse des koreanischen Markts durchgeführt und auf Basis dieser Werte beschlossen wirklich auf diesen zu strömen. Korea ist, ähnlich wie die Schweiz, ein idealer Testmarkt. Gerade für Softwareunternehmen, wie Astina, da das Angebot für diese Produkte noch recht unterentwickelt ist. Gleichzeitig ist der Innovationsdruck äußerst groß. Außerdem kann man, wenn man die Pionierrolle innehat, meines Erachtens viele Vorteile genießen. Das fängt bei der Unterstützung durch Konsulate oder Handelskammern an, und geht bis hin zum “super easy access” zur dortigen Top-Elite. In anderen asiatischen Ländern, wie Singapur, Japan, Hong Kong oder China wäre das glaube ich nicht so möglich gewesen, denn dort gibt es hunderte andere wie mich, dort wäre der Konkurrenzdruck wesentlich stärker. Und von daher sehe ich da nur ein minimales Risiko, dass der Einstieg nicht klappen sollte.

Marc, vielen Dank für das interessante Gespräch, und weiterhin viel Erfolg bei euren Unternehmungen.

Marc Gasser studierte an der Universität Uppsala in Schweden und an der Universität Zürich Wirtschaftsinformatik. Er erhielt unter anderem den Philias CSR Award 2006/2007 und wurde für die Publikation “A Validation of Action Patterns for Project Managers” mit dem Semester-Award der Universität Zürich ausgezeichnet.

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