Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Technologie-Unternehmen

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Hike&Fly – das Videointerview

Eine gemütliche Wanderung zur Hohen Kugel, ein 1645 m hoher Berg im äussersten Westen des Bregenzerwaldgebirges. Anschliessend ein traumhafter Flug ins St. Galler Rheintal.

Kapital, Mut und Talent

Die Unterschiede zwischen den Technologie-Unternehmen und Startup-Welten USA und Europa sind enorm. Wenn jemand darüber Bescheid weiss, dann Lukas.

Lukas Sieber fokussiert auf Technologie-Scouting- und Standortförderung für Regierungsorganisationen, Technologie und Life Science Unternehmen in Europa und Nordamerika. Lukas hat die Geschäftsstelle von Greater Zurich Area in Nordamerika aufgebaut und ist ehemaliger Mitarbeiter der Schweizer Bundesregierung in Washington DC. Liebt Gleitschirmfliegen, Klettern und Laufen.

Mein zusätzlicher Kommentar zum Hike&Fly-Gespräch

Europäisches Unternehmertum: Keine Chance gegen Silicon Valley?

Bei allen Gemeinsamkeiten überwiegen doch die Unterschiede zwischen den Technologie- und Startup-Welten USA und Europa. Wie immer hat auch diese Medaille zwei Seiten, wo es eine Reihe von Vorteilen gibt, existieren ebenso Nachteile.

US-amerikanische und europäische Startup Szene

Als Unternehmer sollte man also gut abwägen, welches Ökosystem das geeignete für das geplante Vorhaben sein könnte: Lockt Silicon Valley als Synonym für die Erfüllung des amerikanischen Traums mit grossen Geschichten und immensem Kapital, bewegen sich die Lebenshaltungskosten auf einer ganz eigenen Ebene. Europäische Hotspots hingegen (Zürich vielleicht ausgenommen) sind deutlich preiswerter, haben es aber in puncto Global Player um einiges schwerer. Unter dem Strich spielt auch die Mentalität eine Rolle – und da driften die beiden Welt weit auseinander. Umso wichtiger, sich mit beiden Ökosystemen auseinanderzusetzen.

Während Europa immer mehr der weltweit vielversprechendsten Technologieunternehmen hervorbringt, kommen die Giganten der Branche vor allem aus den USA und China.

Die Frage des Geldes

Die Kapitalausstattung entscheidet oft genug über Erfolg oder Misserfolg von Technologieunternehmen und Startups – und das ist an jedem Standort dieser Welt so. Auch wenn Europa in puncto Finanzierungsmöglichkeiten aufgeholt hat, ist es in Bezug auf die Kapitalausstattung für junge Unternehmen vollkommen anders aufgestellt: Es gibt durchaus starke Kapitalgeber für Gründungen und Frühphasen, doch bei Wachstumsfinanzierungen sieht es eher schlecht aus.

Im Jahr 2018 wurden weltweit insgesamt 254 Milliarden US-Dollar über Risikokapitalfinanzierungen in ~18.000 Start-ups investiert – ein Plus von 46 % gegenüber dem Vorjahr – wobei 52% (131 Milliarden US-Dollar) allein in den USA landeten.

Dieses grosse Plus hat dann im 2019 etwas nachgelassen. Und mit COVID-19 dürfte es im 2020 auch ähnlich erwartet werden.

Globale Risikokapitalfinanzierung nach Etappen: 2010 – 2018, Quelle: KPMG Venture Pulse

Die europäischen Hotspots, also neben Zürich, Berlin zum Beispiel auch London, bieten ein starkes Umfeld für die Startup-Community: Sowohl tatkräftige und ideenreiche Gründer als auch talentierte IT-Spezialisten, kompetente Business Angels und institutionelle Investoren sind hier aktiv. Doch dann hören die Gemeinsamkeiten schon auf: Zürich ist laut einer neuen Studie die erfolgreichste Stadt der Welt für soziale und wirtschaftliche Inklusivität. Der Prosperity & Inclusion City Seal and Awards (PICSA) Index definiert inklusiven Wohlstand “als ein Mass für die wirtschaftliche Produktivität, das widerspiegelt, inwieweit alle Bevölkerungsgruppen in der Lage sind, zur Wirtschaft beizutragen und an ihren Vorteilen teilzuhaben”.

Berlin hingegen kann zwar nicht nur mit den Lebenshaltungskosten, sondern auch mit Startups, die es auf die internationale Bühne geschafft haben und einem interessanten Pool an Entwicklern punkten. Doch London ist Berlin noch um einige Längen voraus, denn dort begleiten einige erstklassige VC-Anbieter Gründungen auch in der Spätphase.

Genau an diesem Punkt erwägen viele europäische Gründer den Weg ins Ausland: So interessant das Umfeld für Startups auch scheinen mag, es fehlen die starken Risikokapital-Unternehmen, die aus aussichtsreichen Gründungen Global Player machen können – mit ihrem Kapital, mit ihrem Knowhow und natürlich mit den Erfahrungen. Silicon Valley ist nicht zuletzt deswegen für das Unternehmertum so attraktiv, weil hier riesige Finanzierungsrunden an der Tagesordnung sind. Gründer und Investoren gehen in den USA ganz andere Risiken ein, was für die europäischen Gegenspieler selbst dann nicht opportun ist, wenn die jungen Unternehmen bereits relevante Umsätze einfahren.

Während amerikanische Startups bereits nach einem Monat mit Kapital rechnen können, warten europäische bis zu einem halben Jahr – und diese Zeit kann entscheidend sein.

Eine Frage der Kultur

Es ist aber vor allem das Verständnis von Entrepreneurship, das die Ökosysteme Europa und USA stark voneinander unterscheidet: Amerikanische Startups setzen zunächst auf Wachstum, da sie hier nicht nur einen gigantischen Markt vor sich haben, sondern sich in einem starken Wettbewerb behaupten müssen.

Je schneller sie also den Markt durchdringen, desto grösser die Chance, sich auch gegenüber eventuellen Nachahmern durchzusetzen. Nicht umsonst investieren Gründer enorme Summen in Marketing, um ihren Unternehmensstart medial begleiten zu lassen und so in kürzester Zeit eine hohe Kunden- oder Nutzerzahl zu erreichen.

Trotz des jahrhundertelangen interkulturellen Austauschs und Handelsabkommen, sind die europäische und die US-amerikanische Start-up-Welt sehr unterschiedliche Ökosysteme.

Diese Strategie ist der Hoffnung geschuldet, dass diese Dynamik bis zum Erreichen einer kritischen Masse ausreicht. Hier unterstützen Venture Capital-Anbieter, die aussichtsreiche Startups üppig für die Wachstumsphase ausstatten – es könnte ja eine weitere grosse Geschichte wir Facebook, Airbnb oder Uber geschrieben werden. Die Folge: eine ganze Reihe von jungen Unternehmen, die zwar eine siebenstellige Bewertung erhalten, aber in puncto Umsatz weit hinterherhinken. Doch drei oder vier dieser Gründungen schaffen es pro Jahr in die Riege der Global Player – und alleine diese Aussicht treibt die Investoren an: 80 Prozent der finanzierten Startups sind zum Scheitern verurteilt oder erreichen die Gewinnschwelle kaum, die restlichen 20 Prozent sichern die Rendite.

Im Gegensatz dazu fokussieren sich europäische Unternehmen auf das Generieren von Umsatz – nicht zuletzt das Fehlen des Kapitals für einen gezielten Wachstumsschub trägt zu dieser Entwicklung bei: Die Unternehmen müssen viel früher Geld verdienen, um überhaupt überleben zu können. Doch gerade hier liegen enormen Chancen für Investoren, eigene Erfolgsgeschichten a la Spotify zu schreiben.

Letztendlich sorgt das europäische Ökosystem für Gründungen dafür, dass die jungen Unternehmen die Tragfähigkeit ihrer Geschäftsidee zunächst unter Beweis stellen müssen. Nur wenn sie etwas anbieten, das Menschen kaufen oder in Anspruch nehmen, können sie überhaupt die Startphase überstehen. Gleichzeitig bleiben europäische Gründer dadurch oft auch autonom und unabhängiger, ihr Eigenkapital droht nicht so stark zu verwässern, wie das in den USA zwangsläufig der Fall ist.

Fakt ist: Damit empfiehlt sich Europa vor allem den Startups, die sich in einer Marktnische bewegen oder ihr Konzept einer realistischen Prüfung unterziehen wollen.

Selbstverständlich sollen diese pauschalen Aussagen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den USA durchaus umsatzorientierte junge Unternehmen und in Europa hingegen auch auf Wachstum ausgerichtete Startups gibt.

Fakt ist jedoch: Wollen Sie es in den USA schaffen, müssen Sie beim Markteintritt mit grossen Summen jonglieren, um überhaupt eine Chance zu haben.

Eine Frage des Marktes

Auch dieser Punkt ist nicht zu vernachlässigen: Der europäische Markt ist in kleinere aufgesplittert, die wiederum eine grosse Vielfalt aufweisen – was Startups logischerweise im Wachstum bremst.

Wollen Sie über die eigenen Ländergrenzen hinaus agieren, müssen Sie sich innerhalb Europas mit mehreren Sprachen, Mentalitäten und lokalen Eigenheiten auseinandersetzen. Diese Lokalisierung begrenzt das Wachstum auf den jeweiligen Markt, der Aufwand ist im Vergleich zu den US-amerikanischen Voraussetzungen deutlich grösser.

Doch auch diese Medaille hat zwei Seiten: Setzen Sie Ihre europäische Markteinführung in mehreren Etappen um, kann dies das Wachstum nämlich auch fördern.

Als junges Unternehmen können Sie sich zunächst auf den Heimatmarkt konzentrieren, um so sukzessive die notwendigen Anpassungen durchzuführen und vor allem optimale Prozesse zu entwickeln. Während dieser Phase hält sich der Wettbewerbsdruck in Grenzen, sodass Sie eine marktbeherrschende Position aufbauen können. Gleichzeitig ermöglicht Ihnen dieses Vorgehen, ausreichend Erfahrungen zu sammeln, um den Eintritt in den nächsten Markt vorzubereiten.

Mit dieser Expertise sind Sie Ihren US-amerikanischen Kollegen voraus: Selbst Amazon hatte Probleme bei der Erschliessung neuer Märkte. Expandieren Sie aber beispielsweise von Deutschland aus in die Schweiz, von dort nach Österreich und in andere europäische Länder, optimieren Sie Schritt für Schritt den Markteinführungsansatz und können im Laufe der Zeit schneller regionale Geschäftsmodelle umsetzen. Vor allem bei begrenzten Ressourcen ist dies der sinnvollere Weg.

Doch auch die kapitalmässig üppig ausgestatteten US-amerikanischen Startups kommen an ihre Grenzen, wenn sie gleichzeitig an den unterschiedlichsten Fronten zu kämpfen haben. Fakt ist: Baut Ihr Unternehmen auf lokale Märkte, dann dürfte Europa die bessere Wahl für Sie sein.

Eine Frage der Talente

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt ist der in Europa vorherrschende Mangel an relevanten Talenten: Während die Unternehmen in Deutschland, der Schweiz oder anderen Hochtechnologie-Ländern Europas schon traditionell die Nähe zu Talentschmieden suchen, schneiden diese im weltweiten Vergleich immer schlechter ab:

Das World University Ranking ergab zum Beispiel für 2018/2019, dass es nur drei europäische Universitäten unter die Top 10 geschafft haben – die restlichen sieben sind US-amerikanisch und belegen die vorderen Plätze.

So ist es nur logisch, dass auch die klugen Köpfe den Weg in die USA suchen, um ihre eigene Karriere voranzutreiben.

Fazit: Für Europa sprechen durchaus starke Argumente

Es gibt viele Argumente abzuwägen, wenn es um den optimalen Standort für eine Unternehmensgründung geht. Dabei spielen nicht nur das Geschäftsfeld und die unternehmerischen Ziele eine Rolle, sondern vor allem die Eigenheiten des jeweiligen Marktes.

Im Überblick: Standort USA vs. Standort Europa

  • Hohe Kapitalausstattung erforderlich – auch mit weniger Kapital machbar
  • Wachstum hat oberste Priorität – Umsatz ist wichtiger
  • Grösse der Kundenbasis entscheidet – zügiger Proof of Concept
  • Bevorzugt für Produkte ohne geografischen Bezug geeignet – lokale Komponente sehr stark
  • Massiver Markt will erobert werden – schneller Eintritt in lokale Märkte

Auch wenn vielleicht die Geschichten um unternehmerische Erfolge in Deutschland, der Schweiz oder anderen europäischen Ländern weniger schillernd ausfallen, als dies in den USA der Fall ist, spricht doch vieles für das Unternehmertum in Europa.

Die Geschäftskonzepte werden deutlich früher einer Prüfung durch den Markt unterzogen, die Eigenkapitalbasis ist stärker – und für Anleger eröffnen sich hier enorme Chancen, in der Wachstumsphase einzusteigen.

Hier ist etwas Mut gefragt, auch über den konventionellen Tellerrand hinauszuschauen, neue Wege zu gehen und so auch für herausragende Talente interessant zu sein.

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