Der Verwaltungsrat braucht endlich Digitalkompetenz

Der Verwaltungsrat ist der Kapitän einer Schweizer Aktiengesellschaft (AG). Er trägt die Verantwortung für das Schiff. Aber wie soll er ein modernes Hightech-Schiff sicher in den Hafen navigieren, wenn er nur gelernt hat, das hölzerne Steuerrad zu drehen? Um für die Industrie 4.0 und den Wandel in den Unternehmen gerüstet zu sein, braucht der Verwaltungsrat Digitalkompetenz.

Verwaltungsrat mit Digitalkompetenz ausstatten

Wie gesagt, der Kapitän trägt die Verantwortung für das Unternehmen. Er gibt die Marschrichtung vor und bestimmt die erforderlichen Massnahmen, die notwendig sind, um das Ziel sicher zu erreichen. Fehlentscheidungen in den oberen Führungsetagen wirken sich auf den gesamten Betrieb aus, dies kann schnell dazu führen, dass eine Firma in finanzielle Engpässe läuft. Das rasante Tempo der Digitalisierung beschleunigt dies vielmals. Daher ist es Aufgabe des Verwaltungsrates, als oberstes Führungsgremium einer AG, mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Mit gutem Beispiel vorangehen. Beim VR gilt es, den Hebel anzusetzen.

Verwaltungsrat nach Schweizer OR

Dem Verwaltungsrat (VR) obliegt nach schweizerischem Obligationenrecht (OR) (Art. 716a Abs. 1 Ziff. 1 OR) die Oberleitung der Gesellschaft, die Erteilung der nötigen Weisungen und die Festlegung der Organisation. Diese Aufgaben sind unübertragbar und unentziehbar.

Die Generalversammlung (GV) wählt den Verwaltungsrat, der aus einem oder mehreren Mitgliedern besteht. Den Vorsitz übernimmt mit gleichen Rechten der VR-Präsident, der gemäss Statuten vom Gesamt-VR oder von der Generalversammlung gewählt wird. Der Verwaltungsrat stimmt über Beschlüsse ab, wobei dem Vorsitzenden der Stichentscheid zukommt, sofern die Statuten nichts anderes vorsehen.

Die Aufgaben des Verwaltungsrates einer Schweizer Aktiengesellschaft sind nicht mit denen des Aufsichtsrates nach deutschem oder österreichischem Aktienrecht zu vergleichen. Dort ist der Aufsichtsrat nur ein Kontroll- und Aufsichtsorgan, die Geschäftsleitung liegt in Händen des Vorstandes. Nach Schweizer Recht kann eine Geschäftsleitung eingesetzt werden, ist jedoch nicht zwingend notwendig. Eine Sonderstellung nimmt der Verwaltungsratsdelegierte ein, sofern er bestellt wird. Er ist zugleich Mitglied des VR als auch der Geschäftsleitung.

Aber unabhängig davon, ob ein Vorstand benannt wird oder nicht, verbleibt die Oberleitung per Gesetz beim Verwaltungsrat. Der Kapitän ist eindeutig bestimmt.

Damit ist klar, wer die Strategie im Unternehmen vorgibt. In einer Zeit der digitalen Transformation brauchen Verwaltungsräte deshalb entsprechende digitale Kompetenzen.

Was bedeutet digitale Transformation?

Die digitale Transformation ist nicht aufzuhalten, da hilft auch keine Vogel-Strauss-Politik. Den Kopf in den Sand zu stecken, um Probleme zu lösen, ist in unserer schnelllebigen Zeit keine Option.

Digitalisierung in den Unternehmen ist nichts Neues. Diese findet bereits seit einem halben Jahrhundert statt. Angefangen von ersten Mainframerechnern in den Grossbetrieben zogen Geräte zur industriellen Prozesssteuerung, Personal Computer und das Internet längst in die Fabriken und Büros ein. Aber was ist an der Digitalisierung 4.0 oder der digitalen Umwandlung anders?

Der Begriff 4.0 leitet sich von der deutschen Bezeichnung Industrie 4.0 ab, ein Zukunftsprojekt, um für die vierte industrielle Revolution gewappnet zu sein. In USA oder Asien ist der Begriff weniger gebräuchlich, dort geht es eher um das Internet of Things (IoT), das Internet der Dinge und deren Vernetzung.

Der Unterschied der digitalen Transformation gegenüber herkömmlicher Informationstechnologie liegt genau in dieser Zusammenführung. Die Dinge und Dienste werden global vernetzt. Dies liefert eine enorme Menge an Daten, die sich auswerten und zueinander in Beziehung setzen lassen. Diese Informationen und Erkenntnisse lassen sich zielorientiert und damit gewinnbringend nutzen.

Dabei spielen „cyber-physical system“ (CPS) eine zentrale Rolle. Der Verbund von Softwarekomponenten mit mechanischen und elektronischen Teilen über das Internet bieten ungeahnte Möglichkeiten.

Anwendungsgebiete sind beispielsweise die Verknüpfung von medizinischen Geräten und Rettungssystemen (E-Health), altersgerechter Assistenzsysteme (AAL), Verkehrssteuerungs- und Verkehrslogistiksysteme (Smart City), der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Fertigungsindustrie, aber auch ein intelligentes Energieversorgungsmanagement (Smart Grid), militärische Systemvernetzung, Infrastruktursysteme für Kommunikation und Kultur sowie Frühwarnsysteme für alle möglichen Bereiche bis hin zur Tsunamiwarnung im Pazifikraum. Von der aktuellen Covid-19 Pandemie, die Verbreitung mit entsprechenden Trackingmöglichkeiten über Bluetooth, Mobilfunk und Internet einzudämmen, ganz zu schweigen.

Dies sind nur einige Beispiele, was die Digitalisierung 4.0 in der Zukunft an komplexen Aufgaben für uns bereit hält. Wer bei diesem schnellen gesellschaftlichen Umbruch, den Kopf noch in den Sand steckt, wird den Anschluss verpassen. Wie sagte doch schon Michail Gorbatschow: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.”

Was verbindet den Verwaltungsrat mit der digitalen Transformation?

Was kann der Verwaltungsrat konkret unternehmen, damit ihn das Leben nicht bestraft? Die Veränderung, die im Internetzeitalter stattfindet, kommt auch in den Führungsetagen an. Allerdings hapert es noch bei der Realisierung. Es ist nicht damit getan, irgendwelche Prozesse zu digitalisieren, in der Hoffnung, dass es etwas Positives fürs Unternehmen bringt, das ist kontraproduktiv.

Digitalisierung erfolgt nicht zum Selbstzweck. Die Aufgabe für den Verwaltungsrat besteht darin, das Unternehmen fit zu machen für die Zukunft. Das bedeutet Verwaltungsrat 4.0. Es geht darum Strategien zu entwickeln, als gesunde Basis für die mit Riesenschritten auf die Gesellschaft und die Unternehmen zukommende Digitalisierung.

Zunächst gilt es das eigene Geschäftsmodell zu analysieren, dies betrifft auch bisher erfolgreiche Unternehmen. Was gestern noch gut war, kann morgen ganz anders sein. Die Hightechunternehmen und Start-ups aus den Staaten und China stehen in den Startlöchern oder sind längst auf der Zielgerade. Diese Firmen schlafen nicht, sondern sind in der Lage, sich schnell auf neue Kundenbedürfnisse und technologische Entwicklungen einzuschiessen.

Deren Denkweise ist eine andere, bei ihnen stehen die Nutzer im Fokus, denn von ihnen hängt ihr Erfolg ab. Bei der Umsetzung nutzen sie innovative Methoden, wie Design Thinking oder Lean Start-up. So nutzt auch SAP Design Thinking als Ansatz. Parallel dazu wird im gesamten Unternehmen eine flexible und dynamische Kultur gelebt, um schnell auf einen Wandel eingehen zu können. Damit gehört die deutsche Softwareschmiede aus Walldorf zu den globalen Players der IT-Branche.

Design Thinking ermöglicht einem Team innerhalb kurzer Zeit, neue Ideen oder Prototypen auszuprobieren. Funktioniert es nicht – kein Problem. Damit lässt sich schon in einem sehr frühen Stadium erkennen, was erfolgversprechend ist und was nicht. Was aussichtsreich erscheint, wird mit Lean Start-up weiterentwickelt. Dies ermöglicht eine schnelle kundennahe Umsetzung neuer Innovationen. Ziel ist, nicht ein vollkommenes Produkt sofort zu entwickeln, sondern seine Marktfähigkeit nachzuweisen.

Dies ist eine ganz andere Denkweise, um auf der operativen Ebene zu handeln. Andere Ansätze sind Lean Start-up oder Scrum. Alles Strategien, um den Erfolg des Unternehmens zu sichern.

Dies entspricht in keiner Weise dem traditionellen Schweizer Ingenieuransatz. Da wird hinter verschlossenen Türen geforscht, mehrjährige Budgets erstellt und erst das perfekte Produkt dem Kunden präsentiert. Dies erfordert in Zukunft eine vollkommene Neuorientierung.

Digitale Transformation bedeutet Vernetzung, die Verknüpfung von Menschen und Maschinen. Dafür muss der gesamte Betrieb zunächst auf den Prüfstand. Es gilt, die neuen digitalen Entwicklungen zu verstehen, den Nutzen fürs Unternehmen zu prüfen und anschliessend im Betrieb einzusetzen. Dieses Vorgehen ist zwingend notwendig, um in Zukunft im globalen Wettbewerb zu überleben. Allerdings wird digitale Transformation häufig falsch verstanden. Oft wird versucht, das laufende Geschäft oder die IT zu optimieren.

Angesehene Unternehmen des Silicon Valleys leben den Erfolg vor. Sie nutzen Managementstrategien, um auf Gewinnkurs zu bleiben. Google setzt bei der Umsetzung seiner Unternehmensziele auf den Einsatz der Objectives & Key Results (OKR). Dabei erfolgt eine starke Einbindung der Mitarbeiter. Selbstverantwortlich formulieren die Teams ihre Zielvorgaben und die dazugehörige Erfolgskontrolle. Der OKR-Zyklus mit seiner kurzen Laufzeit von drei Monaten ermöglicht eine agile Unternehmenssteuerung auf der operativen Stufe. Wer Fehlentwicklungen oder Marktveränderungen schnell erkennt und unverzüglich darauf reagiert, besitzt gute Chancen am Markt zu bestehen.

Die Begriffe Change Management und Transformation fallen oft in einem Atemzug, werden oft als Synonym benutzt, was allerdings nicht ganz korrekt ist. Change Management muss keine Transformation sein. Change bedeutet Veränderung, eine Transformation hingegen eine Umwandlung. Eine Raupe verändert sich durch Fressen – sie wächst. Die Transformation erfolgt erst über die Puppe zum Schmetterling.
Übertragen auf das Unternehmen bedeutet eine Transformation eine Neuerfindung, das Unternehmen entwickelt eine neue Identität. Dies bezieht sich auf die Unternehmensstrategie, die gelebte Unternehmenskultur sowie die Struktur des Unternehmens. Es ist eine Umgestaltung des gesamten Betriebs, das heisst, die Mitarbeiter sind entsprechend mit einzubeziehen.

Dies ist eine klare Aufgabe für den Verwaltungsrat. Er besitzt die Oberleitung und erteilt die Weisungen. Der Verwaltungsrat legt die Organisation fest. Der Verwaltungsrat gibt den Takt vor, er muss den Wandel ins Digitalzeitalter vorantreiben und Widerstände aus dem Weg räumen. Und gerade die digitale Umwandlung, die Metamorphose verlangt, die Kosten mit einem vernünftigen Berichtswesen im Blick zu behalten und entsprechend rechtzeitig zu agieren. Das liegt in der Verantwortung des Verwaltungsrats 4.0.

Ist der Verwaltungsrat fit für die digitale Transformation?

In der Schweiz existieren derzeit über 218‘000 Aktiengesellschaften (AG), es ist die häufigste Rechtsform für Kapitalgesellschaften. Und jede AG besitzt einen Verwaltungsrat, den die Generalversammlung wählt. Aber wer erhält das Mandat? Nach welchen Kriterien werden Verwaltungsratsposten besetzt?

Traditionell bestimmen Führungskompetenz, Branchenerfahrung, Produktkenntnisse, Expertenwissen, ein funktionierendes Beziehungsnetz, ein akademischer Hintergrund und unternehmerischer Weitblick die Kriterien. Digitale Kompetenz fehlt völlig auf der Liste der Qualifikationen. Naturgemäss erfüllen Nachwuchskräfte diese Punkte nicht, es fehlt ihnen an der jahrelangen Erfahrung. Folglich setzt sich der Verwaltungsrat vorwiegend aus Personen im Alter von 60 plus zusammen.

Digitalisierung gibt es zwar schon seit einem halben Jahrhundert, aber viele Führungskräfte haben sich darum gedrückt oder keine Zeit gefunden, sich entsprechende Kompetenzen anzueignen.

Wie soll das also funktionieren mit der fehlenden Digitalkompetenz? Dieses komplexe Wissen lässt sich nicht in einem Schnellkurs vermitteln, selbst wenn die Verwaltungsräte dazu gewillt wären. Und genau die mangelnde Kompetenz in Richtung Digitalisierung 4.0 kann das Unternehmen gefährden. Was kann also getan werden, um dieses Defizit zu eliminieren?

Verwaltungsrat 4.0 – so wird er fit für die digitale Transformation

Der Verwaltungsrat muss bei der Umsetzung der digitalen Transformation eine Vorreiterrolle übernehmen, es ist seine Aufgabe dies bei der Geschäftsleitung wie bei den Mitarbeitern einzufordern. Das kann er natürlich nur, wenn er selbst über eine gewisse Digitalkompetenz verfügt. Dies mit einem bestehenden Gremium aus analog denkenden Persönlichkeiten durchzuführen ist schwierig.

Natürlich kann der VR auf externe Berater zurückgreifen, aber auch dies erfordert bereits eine gewisse digitale Kompetenz, um die Konzepte, die die Unternehmensberatung vorschlägt zu verstehen und sie fachmännisch zu beurteilen.

Da Digitalkompetenz im Verwaltungsrat künftig ein absolutes Muss ist, bleibt nur die Option, den Verwaltungsrat um ein Mitglied mit digitalem Know-how zu erweitern.

Bei der Vergabe von Verwaltungsratsmandaten ist darauf zu achten, dass sie den Anforderungen des Unternehmens gewachsen und in der Lage sind diese zu meistern. Dies gilt für die Ausbildung, Fachwissen und Erfahrung. Suchen Sie nicht irgendeinen Spezialisten für Digitalisierung, sondern eine Persönlichkeit, die ihre Unternehmensstrategie in ihrem Unternehmensumfeld mit kompetentem Fachwissen umsetzen kann. Die richtige Zusammensetzung des VR mit den passenden Fähigkeiten ist der Schlüssel zum Erfolg.

Fazit

Damit der Kapitän das moderne Hightech-Schiff künftig sicher in den Hafen steuern kann, braucht der Verwaltungsrat Digitalkompetenz. Der VR muss Vorbild und Vorreiter sein, er muss den Anstoss zur digitalen Transformation geben – da beisst die Maus keinen Faden ab – das ist die Verantwortung des Verwaltungsrat 4.0.

Da die Umsetzung im bestehenden Gremium oft wenig erfolgsversprechend ist, muss der VR künftig anders besetzt sein. Mindestens ein VR-Mitglied muss über die nötige digitale Kompetenz verfügen, um die Anforderungen der Zukunft erfolgreich zu meistern.