Lead Research und ICP: die erste Bauphase jedes GTM-Teams

Lead Research scheitert fast nie an den Tools. Sie scheitert daran, dass niemand definiert hat, wen man eigentlich sucht.
Als Software-Unternehmer baue ich GTM-Teams. In jedem GTM-Team, das ich aufbaue, ist der erste Schritt derselbe. Nicht ein Tool kaufen. Nicht eine Liste ziehen. Sondern das Ideal Customer Profile definieren. Wen wollen wir, und woran erkennen wir ihn von aussen?
Das ist Phase 1. Im Loop, den ich im Framework auf gtm.science unterrichte, heisst sie DECODE. Erst danach kommt alles andere.
Was du hier mitnimmst
- Warum das ICP vor jeder Lead Research steht.
- Wie ich das ICP mit einem Team in drei Schritten definiere.
- Wie aus dem ICP Signale werden, die Tools finden können.
- Warum Marketing und Sales hier zusammenkommen müssen.
Die These: erst das ICP, dann die Liste
Qualität vor Quantität. Der Satz steht in jedem Sales-Buch. Trotzdem macht es kaum jemand. Die meisten Teams starten mit der Frage Welche Datenbank nehmen wir? Die richtige erste Frage ist Wen suchen wir und warum lohnt er sich?
Ohne diese Antwort ist jede Liste ein Ratespiel. Mit ihr wird Lead Research zur Präzisionsarbeit.
Lead Research ohne ICP ist Daten-Sammeln ohne Richtung.
🧨 Das Problem: Prospecting ohne Definition
Prospecting, also das Finden potenzieller Kunden, ist eine milliardenschwere Branche. Firmen stellen ganze Lead-Research-Teams ein. Es gibt Dutzende Tools, viele davon hervorragend. Und trotzdem trocknet bei vielen die Pipeline aus.
Der Grund: Prospecting wird oft nur im Sales angesiedelt. Das ist zu spät. Die Suche nach den richtigen Leads beginnt im Marketing, mit einer gemeinsamen Definition. Firmen mit koordiniertem Marketing und Sales wachsen schneller. Die Zahl, die seit Jahren kursiert: 27 Prozent schnelleres Umsatzwachstum, wenn beide Teams abgestimmt arbeiten. Die Definition des ICP ist der Ort, an dem diese Abstimmung beginnt.
Ohne diese Abstimmung passiert, was ich in vielen Firmen sehe: Marketing zieht Leads an, die Sales nie anfassen würde. Sales recherchiert Accounts, die von deinem Angebot nie profitieren werden. Beide arbeiten fleissig, und die Pipeline bleibt trotzdem dünn. Die gemeinsame ICP-Definition ist kein Workshop-Ritual. Sie ist die Arbeitsgrundlage, auf die sich beide Teams berufen können, wenn es um Prioritäten geht.
🛠️ Wie ich das ICP mit einem Team baue
Ich mache das mit jedem Team in drei Schritten. Kein Workshop über Wochen. Ein fokussierter Block.
- 1. Firmographics festlegen. Branche, Grösse, Region, Reifegrad. Nicht Wer könnte kaufen, sondern Wer kauft schon und warum. Wir schauen auf die besten zehn Bestandskunden und suchen das Muster.
- 2. Die Buyer Persona schärfen. Wer sitzt am Tisch? Decision Maker, Champion, Veto-Geber. Im B2B kauft eine Gruppe, kein Einzelner. Jede Rolle hat eigene Fragen.
- 3. Signale ableiten. Woran erkenne ich das ICP von aussen, ohne nachzufragen? Welche Technologien setzen sie ein? Welche Rollen stellen sie gerade ein? Welche Auslöser zeigen, dass jetzt der Moment ist?
Erst nach diesen drei Schritten reden wir über Tools. Vorher nicht.
Bei Schritt 1 zählt die Sortierung: Die besten Bestandskunden sind nicht die mit dem bekanntesten Logo oder dem grössten Abschluss. Es sind die, die bleiben, das Produkt nutzen und Ergebnisse erzielen. Diese Sicht schützt dich davor, dein ICP auf Prestige statt auf Substanz zu bauen. Sie ist auch der Grund, warum die Definition mit Bestandskunden beginnt und nicht mit Wunschkunden.
Die 4 Regeln für ein belastbares ICP
Für die Schärfung nutze ich gern die Disziplin, die Mark Roberge, Gründungs-CRO von HubSpot, in The Science of Scaling beschreibt. Sein ICP-Framework ersetzt Bauchgefühl durch überprüfbare Kriterien. Es stammt aus dem US-SaaS-Kontext, überträgt sich aber gut, weil es keine Marktgrösse voraussetzt, sondern Ehrlichkeit.
Regel 1: Jedes Kriterium muss von aussen erkennbar sein, aus öffentlich zugänglichen Daten. Mitarbeiterzahl, Region, Branche. Nicht Budget, nicht Dringlichkeit, nicht strategische Prioritäten. Was du nicht von aussen prüfen kannst, kann dein Research nicht finden und dein AI-Agent nicht beobachten.
Regel 2: Das ICP basiert auf Retention und Kundenerfolg, nicht auf den leichtesten Abschlüssen. Retention heisst: wie viele Kunden bleiben. Die Frage ist nicht, wer schnell kauft. Die Frage ist, wer bleibt und Ergebnisse erzielt. Ein Segment mit hoher Abschlussquote und hoher Abwanderung ist eine Falle.
Regel 3: Der Markt hinter dem ICP soll laut Roberge für rund 3 Jahre Kunden- und Umsatzziele reichen. Nicht für die Ewigkeit. Ein ICP, das nie zu klein werden kann, war nie eins.
Regel 4: Das ICP bleibt ehrlich durch ein sichtbares Änderungsprotokoll und eine klare Dreiteilung. Ein Segment gehst du aktiv an. Eines bedienst du nur, wenn es von selbst anklopft. Und an eines verkaufst du bewusst nicht. Das dritte ist das wichtigste. Es schützt dein Team vor Deals, die später der Support bezahlt.
Klein genug, um zu führen
Stijn Hendrikse ergänzt in T2D3 3 Regeln, die in dieselbe Richtung zeigen. Das ICP kommt aus deinen besten Bestandskunden, nicht aus einer Marktstudie. Du wählst den kleinsten Markt, den du innerhalb eines Jahres anführen kannst. Und du arbeitest mit maximal 3 Personas.
Der mittlere Punkt ist der unbequemste. Anführen heisst: Wenn dein Thema in diesem Segment fällt, kennt man deinen Namen. Das schaffst du nicht in einem Markt wie Software für den Mittelstand. Das schaffst du in einer eng geschnittenen Nische, die du in Monaten statt Jahrzehnten durchdringen kannst. Klein gewinnen schlägt gross mitschwimmen.
Und die Persona-Grenze zwingt zu einer Entscheidung, die viele Teams vermeiden: Wen sprichst du zuerst an? Mehr Personas heisst nicht mehr Markt. Es heisst verwässerte Botschaften und ein Research, das in alle Richtungen gleichzeitig sucht.
🤖 Die Tools, bewusst kurz
Wenn das ICP steht, sind die Tools fast eine Nebensache. LinkedIn und der Sales Navigator sind die aktuellste, von den Leads selbst gepflegte Kontaktdatenbank für B2B. Datenanbieter wie Apollo, Zoominfo oder Clearbit liefern Kontaktdaten in der Breite, mit einer Genauigkeit von rund 80 Prozent, am stärksten bei grossen Firmen in Nordamerika. IP-Tracking zeigt dir, welche Unternehmen deine Webseite besuchen. Plattformen wie Clay kombinieren mehrere Quellen.
Aber jedes Tool ist nur so gut wie die Frage, die du ihm stellst. Die Frage kommt aus dem ICP. Ein Tool ohne Definition findet dir mehr Leads, nicht bessere.
Praktischer Nebeneffekt von Roberges erster Regel: Kriterien aus öffentlichen Daten sind genau die Filter, die diese Tools beherrschen. Mitarbeiterzahl, Branche, Region, eingesetzte Technologie. Ein ICP aus Bauchgefühl kann kein Tool der Welt abbilden.
Das stärkste Argument: Signale statt Volumen
Hier kommt der Teil, der 2026 alles verändert. Früher hiess Lead Research: möglichst viele Kontakte anreichern und dann durchtelefonieren. Heute heisst es: auf Signale reagieren.
Ein sauber definiertes ICP wird zu einer Liste von Signalen, die AI-Agents rund um die Uhr beobachten können. Eine neue Finanzierungsrunde. Ein Wechsel in der Führung. Eine neu eingesetzte Technologie. Eine offene Stelle, die auf Wachstum hindeutet. Das nenne ich signalbasiertes Vorgehen.
Genau das ist der Punkt der Context Engine, des Business-Kontextes deiner Firma, aufbereitet als Grundlage für AI-Agents. Ohne diese Grundlage gilt: Garbage in, Garbage out. Mit ihr macht ein Hyperlean-Team die Arbeit von dreissig Leuten. Ein paar Profis plus AI-Agents. Drei statt dreissig. Das ist Get Multiplayer.
Woran erkennst du, dass ein Account gerade kaufbereit ist?
Nie an einem einzelnen Signal. Ein Signal ist eine Vermutung, mehrere sind ein Muster. Erst wenn sich Führungswechsel, Einstellungsmuster und Reaktionen auf deine Inhalte übereinanderlegen, wird aus einem passenden Account eine Priorität für diese Woche.
Ein neuer Vertriebsleiter allein heisst wenig. Ein neuer Vertriebsleiter in einer Firma, die gerade mehrere Sales-Rollen ausschreibt und deren Team auf deine Posts reagiert, ist ein anderes Bild. Die Kunst ist nicht, ein Signal zu finden. Die Kunst ist, Signale zu stapeln und erst dann zu handeln.
Dabei schlagen eigene Signale die gekauften. Wer deine Inhalte liest oder auf deine Posts reagiert, hat sich selbst gemeldet. Welche dieser Daten in dein CRM gehören, steht im Artikel zu Kundendaten im B2B-Sales.
Und das ICP selbst ist kein Dokument, sondern eine Hypothese. Ich prüfe es mit jedem Team einmal pro Quartal gegen die neuen Kunden: Wen haben wir gewonnen, wer bleibt, wer nutzt das Produkt wirklich? Deine besten Kunden verschieben sich schneller, als du denkst. Wie daraus ein laufender Prozess wird, zeigt der Hub zu signalbasiertem Verkaufen.
🎢 Highs, Lows, Warnung
✅ Was funktioniert. Ein ICP, das auf echten Bestandskunden basiert und sich in beobachtbare Signale übersetzt.
❌ Was nicht funktioniert. Mit der Tool-Auswahl starten, bevor die Definition steht.
⚠️ Warnung. Es geht nie um aggressive oder unethische Methoden. Es geht um Relevanz und echten Wert. Ein präzises ICP heisst, weniger Menschen zu stören, nicht mehr.
Lead Research scheitert fast nie an den Tools. Sie scheitert an der fehlenden Definition. Deshalb ist das ICP die erste Bauphase, die ich mit jedem Team mache. Wer hier sauber arbeitet, füttert keine Kontaktleichen ins CRM, sondern baut eine Pipeline, die kompoundiert. Von Gründer zu Gründer: definiere das ICP, bevor du die erste Liste ziehst.
Serial Entrepreneur, Autor
Marc ist Serial Entrepreneur. Mit 16 hat er sein erstes Software-Unternehmen gestartet. Seither dieselbe Schnittstelle: Software Product Management trifft Go-to-Market. Er baut die Brücke: Product × GTM × AI, als ein System, nicht als drei Abteilungen. Drei statt dreissig. Wenn er nicht baut, fliegt er Gleitschirm.