Service-Agentur versus Software-Produktgeschäft

Das Gras ist nicht grüner auf der anderen Seite des Huegels. Es ist nur anders teuer.
Ich habe beide Seiten erlebt. Agentur und Produkt. Um das Produkt wirklich zu bauen, musste ich gezielt 40 Kunden gehen lassen. Das ist keine Theorie aus einem Buch. Das ist eine Entscheidung, die wehtat.
Was du hier mitnimmst:
- Warum die Agentur-Marge dich gefangen hält und das Produkt dich vorfinanziert.
- Die drei Fallen beim Wechsel zum Produkt.
- Warum ich heute Systeme baue, die bleiben, statt Abhängigkeit.
Meine These: Die Agentur verkauft Stunden und macht abhängig. Ein Produkt ist ein System, das bleibt. Ich gehe, das System bleibt.
🧨 Jahr für Jahr statt Projekt für Projekt
Das Agenturgeschäft fühlt sich sicher an. Cashflow ab dem ersten Projekt. Aber du bist abends um 23 Uhr im Büro, arbeitest am Samstag die Supportfälle ab, verkaufst Stunden. Hast du Erfolg, musst du Leute einstellen. Und bleibst bei 0 bis 20 Prozent Marge. Mühsam.
Das Produkt dreht die Rechnung um. Statt Projekt für Projekt kassierst du Jahr für Jahr. Wiederkehrender Umsatz, der kompoundiert. Aber er kommt spät.
Der Unterschied zeigt sich jeden 1. Januar. Die Agentur startet bei null und muss das Jahr neu verkaufen. Die Produktfirma startet mit dem Umsatz vom Vorjahr und baut darauf. Nach ein paar Jahren ist das kein Detail mehr. Es ist die Firma.
📊 Rule of 40: die nüchterne Messlatte fürs Produkt
Die SaaS-Welt hat eine nüchterne Formel dafür populär gemacht, wann ein Produktgeschäft gesund ist: die Rule of 40. Wachstumsrate plus Marge sollen zusammen mindestens 40 ergeben. Stijn Hendrikse führt sie in T2D3 als Definition von nachhaltigem SaaS-Erfolg an, neben dem Hypergrowth-Pfad.
Das Nützliche an der Formel: sie lässt dir die Wahl. 30 Prozent Wachstum bei 10 Prozent Marge erfüllt sie. 10 Prozent Wachstum bei 30 Prozent Marge auch. Du musst kein Hypergrowth-Startup sein. Eine profitable, gemächlich wachsende Produktfirma besteht den Test genauso. Für bootstrapped Firmen im DACH-Raum ist das die relevantere Messlatte als jede Verdreifachungskurve aus dem VC-Umfeld.
Jetzt halte die Agentur daneben. Ihr Umsatz ist Auslastung mal Tagessatz. Beide Grössen haben eine Decke. Mehr als voll ausgelastet geht nicht, und den Tagessatz verhandelt dir der Markt. Wachstum heisst fast immer mehr Leute, und mehr Leute drücken die Marge. Siehe oben: 0 bis 20 Prozent.
Eine Agentur kann gut leben. Aber sie kann die Rule of 40 strukturell kaum schlagen, weil Wachstum und Marge am selben Hebel hängen: verkaufte Stunden. Das Produkt entkoppelt Umsatz von Stunden. Nur darum kann es beide Seiten der Formel gleichzeitig bewegen.
🛠️ Die drei Fallen beim Wechsel
1. Produkt- statt Projektmanagement. Im Projekt baust du, was der eine Kunde will. Im Produkt ist jede Sonderwurst Gift. Eine einzelne Checkbox, die nur ein Kunde braucht, kostet im langfristigen Produktzyklus ein Vermögen an Unterhalt. Ich habe oft Ja gesagt, wenn jemand mit der Karotte und 50.000 Franken kam. Es hat sich nie bewährt. Die Maintenance war jedes Mal zu hoch.
2. Vorfinanzierung. Hier rechnen die meisten falsch. Ein Projekt bringt vielleicht 100.000 Franken plus 20.000 Support pro Jahr. Im Produkt zahlt derselbe Kunde etwa 40.000 im Jahr, aber du finanzierst die Entwicklung vor. Beim ersten Kunden klafft eine Lücke. Beim zweiten ist sie doppelt so gross, beim dritten dreifach. Je mehr Kunden, desto grösser der Gap. Dazu CAC-Payback von 9 bis 18 Monaten. Und einen echten Product-Market-Fit in 6 Monaten habe ich noch nie gesehen. Es braucht Jahre.
3. Organisationsstruktur. Ein gutes Produkt-Team sind 3 bis 4 Leute, die effizient arbeiten. Das kostet 300.000 Franken im Jahr und mehr. Hängt alles an einer Person, hast du ein Klumpenrisiko. Fällt sie aus, ist das Wissen weg und die Firma tot.
Alle 3 Fallen haben denselben Kern: Projektreflexe im Produktgeschäft. Der Reflex, Ja zu sagen. Der Reflex, Umsatz sofort zu wollen. Der Reflex, alles an die stärkste Person zu hängen. Im Projektgeschäft sind das Tugenden. Im Produktgeschäft sind es teure Gewohnheiten.
🤖 Der Masterplan
Bau nicht bei null. SaaSify ein bestehendes Projekt. Nimm die Lösung, die du schon für einen Kunden gebaut hast, und mach ein wiederverwendbares Produkt daraus. DigiTickets entstand so aus einer Ticketing-Lösung für ein Aquarium. Bexio, Paymash und Localina kamen aus Agenturen. Das Muster wiederholt sich.
SaaSify heisst dabei nicht, den Code umzubenennen. Es heisst, aus einer Speziallösung den generischen Kern zu schälen: das Stück, das viele Firmen gleich nutzen können. Der Rest bleibt draussen oder wird konfigurierbar. Das ist Produktarbeit, keine Projektarbeit, und genau daran scheitern die meisten Versuche.
Die schlimmste Variante ist, weder Fisch noch Vogel zu sein. Ein Jahr Produkt, dann zurück ins Projektgeschäft, weil es zu langsam geht. So verbrennst du nur Geld.
Heute kommt ein Hebel dazu, den es früher nicht gab. Ich nenne es Get Multiplayer: wie Menschen und AI-Agents zusammen arbeiten. Ein Hyperlean-Team, ein paar Profis plus Agents, die rund um die Uhr laufen. Drei statt dreissig. Das macht das 300.000-Franken-Team und das tiefe Tal der Tränen kleiner. Die Agents laufen auf der Context Engine, dem Business- und Code-Kontext deiner Firma. Genau dieser Kontext ist es, der bei einer Agentur mitgeht, wenn sie geht.
🧩 Der ehrliche Mittelweg: Produkt plus Services
Zwischen Agentur und reinem Produkt gibt es einen Mittelweg, der oft schlechtgeredet wird. Zu Unrecht. Ein Produkt mit einem klar geschnürten Service-Paket obendrauf kann die Brücke sein, die den Übergang trägt.
Hendrikse beschreibt das in T2D3 als "Premium plus"-Bündel: das Top-Paket der Software plus Dienstleistungen wie Onboarding oder Inhalte. Sein Erfahrungswert: so ein Bündel kann den Umsatz pro Kunde teils um 50 Prozent heben, ohne zusätzliche Produktentwicklung. Das ist seine Zahl aus seiner Beratungspraxis, kein Naturgesetz. Die Logik dahinter ist trotzdem solide: der Kunde kauft ein Ergebnis, keine Lizenz.
Für den Wechsler aus der Agentur ist das doppelt attraktiv. Du kannst, was reine Produktfirmen teuer lernen müssen: liefern. Onboarding, Integration, Schulung sind für dich Routine. Verpacke sie als fixe Pakete mit fixem Preis, nicht als offene Stunden. Sonst hast du in einem Jahr wieder eine Agentur, nur mit Software im Schaufenster.
Ein Detail macht den Unterschied: verrechne Services wiederkehrend, wo es geht. Ein Onboarding ist einmalig. Aber Review-Termine, Reports oder betreute Auswertungen kannst du in das Jahresabo schnüren. So zahlt der Service auf genau die Kennzahl ein, die das Produktgeschäft trägt: wiederkehrender Umsatz.
Die Grenze ist klar. Services dürfen das Produkt füttern, nie ersetzen. Jedes Paket muss standardisiert sein und auf das Produkt einzahlen. Individuelle Sonderwünsche bleiben Gift, siehe die Checkbox von oben.
💰 Wie finanzierst du den Übergang?
Mit dem Cashflow der Agentur. Das Projektgeschäft bezahlt die Produktentwicklung, bis das Produkt sich selbst trägt. Das funktioniert aber nur mit 2 harten Regeln: ein fixes Zeitbudget fürs Produkt und eine Person, der das Produkt gehört. Sonst gewinnt immer der Kunde, der gerade ruft.
Das Zeitbudget muss konkret sein. Nicht "wir arbeiten am Produkt, wenn Luft ist". Luft ist nie. Sondern definierte Tage pro Woche mit definierten Leuten, und diese Tage sind für Kundenprojekte gesperrt. Wenn ein Projekt brennt, brennt es ohne das Produkt-Team.
Rechne dabei die Marge ehrlich. Eigene Stunden sind nicht gratis, nur weil keine Rechnung kommt. Wer den Produktaufbau mit unbezahlten Abenden quersubventioniert, belügt die eigene Kennzahl und merkt zu spät, dass der Übergang nicht trägt.
Und das Produkt braucht einen Owner mit echter Macht. Eine Person, die Nein sagen darf, auch zum besten Kunden der Agentur. Ohne diesen Owner passiert die schlimmste Variante von oben: ein Jahr Produkt, dann zurück ins Projektgeschäft. Nicht weil das Produkt schlecht war. Sondern weil niemand da war, dessen einziger Job es war, es zu verteidigen.
Rechne ehrlich mit der Dauer. Ich habe oben geschrieben, dass echter Product-Market-Fit Jahre braucht, nicht 6 Monate. Das heisst: die Agentur muss den Übergang mehrere Jahre tragen können, ohne dass die Produktleute zurück in Projekte rutschen. Wer das nicht durchhält, wählt besser bewusst die Agentur. Auch das ist ein legitimes Geschäft.
Der Rest ist Sequenz: erst ein bezahlter Pilot, dann ein schmaler Release, dann die nächsten Kunden. Wie eng sich diese Schleife ziehen lässt, steht in SaaS-Produkt in 90 Tagen. Mehr solche Weichenstellungen sammle ich im Hub Entrepreneurship.
🎢 Highs, Lows, Warnung
✅ Was funktioniert: Ein Produkt skaliert, eine Agentur nicht. Mehr Kunden brauchen nicht mehr Stunden. Wer ein Produkt verkaufen konnte, hat am Ende mehr verdient.
❌ Was nicht funktioniert: die Costa-Rica-Fantasie. Notebook am Strand auf, zwei Anfragen beantworten, wieder surfen. So läuft kein Produkt. Es ist immer Launch, immer hohe Leistung gefragt.
⚠️ Warnung: Eine Produktfirma ist wie ein Zoo. Du musst deine Kunden alignen. Baust du einen Zoo für Elefanten und packst Mäuse rein, hast du den falschen Zoo. Und: Als Product Manager hast du keine Freunde. Du sagst Nein zu Geld. Das ist hart.
Warum ich trotzdem das Produkt wähle: Die Agentur macht abhängig, das Wissen bleibt aussen. Ich baue ein System, das in der Firma installiert bleibt. Das Risiko ist grösser, der Lohn auch. Ich gehe, das System bleibt. Wenn du dir so ein System bauen lassen willst, schau bei Pedalix vorbei.
Serial Entrepreneur, Autor
Marc ist Serial Entrepreneur. Mit 16 hat er sein erstes Software-Unternehmen gestartet. Seither dieselbe Schnittstelle: Software Product Management trifft Go-to-Market. Er baut die Brücke: Product × GTM × AI, als ein System, nicht als drei Abteilungen. Drei statt dreissig. Wenn er nicht baut, fliegt er Gleitschirm.