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Marc Gasser
Themen-Guide

Entrepreneurship: Firmen bauen, ehrlich erzählt

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Entrepreneurship hat ein Poster-Problem. In den Feeds sieht Firmenbau so aus: Hockeyschläger-Kurve, Fundraising-Meldung, 72-faches Wachstum in fünf Jahren als Messlatte. Die Kurve hängt in Pitch-Decks von Firmen, die noch keinen einzigen zahlenden Kunden haben. Der Begriff klingt nach Bühne, Pitch-Deck und Erfolgsgeschichte. Wer die Kurve nicht liefert, gilt als zu wenig ambitioniert. Wer sie hinterfragt, hat angeblich das Spiel nicht verstanden.

Der Alltag ist unspektakulärer. Firmen bauen besteht aus einer Handvoll wiederkehrender Entscheidungen: Dienstleistung oder Produkt? Wann skalieren? Wen einstellen, wen gehen lassen? Dazu kommen die Monate, in denen nichts glänzt, und die Momente, über die selten jemand ehrlich schreibt. Wer diese Entscheidungen bewusst trifft, statt sie auszusitzen, hat den grössten Hebel schon in der Hand.

Diese Seite sammelt die Unternehmer-Artikel: Entscheidungen, Führung, Wachstum, auch Scheitern. Geschrieben für Gründer und Führungsleute in B2B-Software-Firmen, ob selbstfinanziert oder mit Investoren. Und geschrieben gegen das Poster: Die berühmte Kurve ist für die meisten Firmen hier die falsche Aufgabe.

Entrepreneurship heisst für mich: Firmen bauen, ehrlich erzählt. Ich habe mit 16 mein erstes Software-Unternehmen gestartet, mehrere verkauft und ein paar an die Wand gefahren. Ich schreibe hier deshalb aus der Praxis, nicht aus der Theorie. Vieles davon habe ich teuer gelernt, einiges mehrfach. Du liest hier keine Heldengeschichten, sondern die Entscheidungen dahinter: was funktioniert hat, was nicht, und woran ich es beim nächsten Mal früher erkenne.

Was du hier mitnimmst

  • Wie du die Grundsatzentscheidung zwischen Dienstleistung und Produkt bewusst triffst, statt sie auszusitzen.
  • Woran du erkennst, dass deine Firma bereit zum Skalieren ist: messbare Schwellen statt Bauchgefühl.
  • Wie Führung aussieht, wenn es ernst wird: entlassen, einstellen, entscheiden.
  • Warum die 72x-Kurve Portfolio-Mathematik der Geldgeber ist und welcher Massstab für dich ehrlicher rechnet.

Entrepreneurship heisst: Reihenfolge halten, nicht Tempo kopieren

Entrepreneurship im B2B-Software-Geschäft heisst: Du baust ein Unternehmen, das für zahlende Firmenkunden ein echtes Problem löst, mit Systemen, die auch ohne dich funktionieren. Es ist ein Handwerk aus Entscheidungen unter Unsicherheit, kein Charakterzug und keine Berufung.

Daraus folgt die These dieser Seite: Firmen bauen heisst Reihenfolge halten, nicht Tempo kopieren. Erst beweisen, dass Kunden bleiben, dann skalieren. Erst entscheiden, was du baust, dann Umfang aufbauen. Wer die Reihenfolge bricht, weil ihn das Tempo der anderen nervös macht, repariert später teuer. Der Rest dieser Seite ist der Beleg dafür, Entscheidung für Entscheidung.

Dienstleistung oder Produkt: Was baust du zuerst?

Die erste Grundsatzfrage vieler Software-Unternehmer: Dienstleistung oder Produkt? Die Agentur bringt Geld ab Tag eins, das Produkt frisst Jahre Vorlauf und skaliert dafür. Es gibt keine allgemein richtige Antwort, nur eine bewusste Entscheidung.

Meine Erfahrung mit beiden Seiten steht in Service-Agentur versus Software-Produktgeschäft. Viele fahren eine Zeit lang zweigleisig: Die Agentur zahlt die Rechnungen, das Produkt baut die Zukunft. Gefährlich wird es, wenn der Übergang nie geplant wird und das Produkt ewig Nebenprojekt bleibt. Dann hast du zwei halbe Firmen und keine ganze.

Wie schnell ein Produkt stehen kann, wenn man den Umfang ehrlich hält, zeigt SaaS-Produkt in 90 Tagen: schmal, ehrlich, ausgeliefert. Wie du entscheidest, was überhaupt gebaut wird und für wen, vertieft der Hub zum Software Product Management.

Diese Entscheidung ist keine einmalige Weiche, sie kommt wieder. Jedes grössere Kundenprojekt lockt zurück in die Dienstleistung, weil dort sofort Geld fliesst. Deshalb gehört sie schriftlich festgehalten: was wir sind, was wir werden wollen, bis wann. Sonst entscheidet der Kontostand, und der entscheidet immer kurzfristig.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Skalieren?

Skaliere erst, wenn deine eigenen Zahlen zwei Dinge beweisen: Kunden bleiben, und die Kundengewinnung rechnet sich wiederholbar. Vorher vergrösserst du mit jedem neuen Mitarbeiter nur die Verbrennung. Das klingt banal und wird trotzdem ständig ignoriert.

Ich habe diese Lektion selbst bezahlt: Ich habe Aioma in 6 Monaten auf 30 Leute skaliert und dabei gelernt, dass Wachstum jede schwache Stelle im Unternehmen gnadenlos sichtbar macht.

Mark Roberge macht diese beiden Beweise in The Science of Scaling messbar. Erstes Tor: Product-Market-Fit, also der Nachweis, dass Kunden verlässlich Nutzen bekommen und bleiben. Als Richtwert nennt er über 90% jährliche Kundenbindung. Zweites Tor: Go-to-Market-Fit, also der Nachweis, dass sich die Gewinnung rechnet. Seine Schwellen: Der Wert eines Kunden über die ganze Kundenbeziehung liegt mindestens beim Dreifachen der Gewinnungskosten, und die Vertriebskosten zahlen sich in unter 12 Monaten zurück.

Auch das Tempo danach ist bei Roberge eine Regel, kein Bauchgefühl. Skalieren ist ein Einstellungsrhythmus, kein Einstellungsereignis: etwa zwei Verkäufer pro Quartal, Frühindikatoren beobachten, dann beschleunigen oder pausieren. Sein Bild für die Alternative: Wer im Januar 10 Verkäufer einstellt, hat am Jahresende noch 2.

Stijn Hendrikse beschreibt in T2D3 dieselbe Logik als Baseball-Diamant: erst das MVP, also die erste verkaufbare Produktversion, dann Product-Market-Fit, dann Skalierung, dann nachhaltige Profitabilität. Keine Base lässt sich überspringen. Seinen Product-Market-Fit macht er mit einer Checkliste von 10 Meilensteinen messbar, die in drei harten Zahlen endet: 10 zahlende Kunden, 10 öffentliche Referenzen, 10 Neukunden über Weiterempfehlung.

Die Kurzfassung beider Bücher: Reihenfolge schlägt Tempo. Wer die Grundlagen überspringt, geht später zurück und repariert. Beide Autoren schreiben aus dem US-SaaS-Kontext, nimm ihre Schwellen deshalb als Hypothesen, die du an deinen eigenen Zahlen prüfst. Der Denkfehler, vor dem sie warnen, ist trotzdem universell: Wachstum kaschiert keine Schwächen, es verstärkt sie.

Führung, wenn es ernst wird

Firmen bauen heisst auch: harte Gespräche führen. Niemand dankt dir, wenn du jemanden entlässt. Trotzdem gehört die Entscheidung, wer bleibt und wer geht, zu den wichtigsten überhaupt. Wie ich sie treffe, wie ich das Gespräch führe und wie ich mit dem Rest umgehe, steht in Mitarbeiter entlassen.

Auch Einstellen ist eine Führungsentscheidung: lieber langsam einstellen und schnell korrigieren als umgekehrt. Jede Person, die du an Bord holst, verändert die Firma mehr, als das Organigramm zeigt. Und harte Gespräche werden nicht besser, wenn man sie aufschiebt. Mein Massstab: Wenn ich eine Entscheidung dreimal vertagt habe, ist sie längst gefallen. Dann fehlt nur noch der Mut, sie auszusprechen.

Die zweite Führungsdisziplin ist unscheinbarer: Meetings. Die meisten Sitzungen sind Theater. Ich behandle sie als Entscheidungsmaschinen: fester Rhythmus, klare Vorbereitung, und am Ende steht ein Entscheid. Wie ein kleines Team so entscheidet statt zu sitzen, steht in Meetings, die weiterbringen. Und warum ich Teams für konzentrierte Arbeit in die Berge geschickt habe, erzählt das Porträt Der Bergsteiger.

Was ändert KI am Firmenbau?

KI macht Ausführung billig und verschiebt den Engpass zu Entscheidungen. Code schreiben, Texte entwerfen, Daten aufbereiten: Das übernehmen zunehmend KI-Agenten, also Programme, die Arbeitsschritte selbstständig ausführen. Teuer bleiben Kontext, Urteil und Führung.

Das verändert den Firmenbau an zwei Stellen. Erstens die Teamgrösse: Kleine Teams mit gut geführten Agenten ersetzen Strukturen, für die früher ganze Abteilungen nötig waren. Was das konkret bedeutet, zeigen From Vibe Coding to Agentic Engineering und Agentic Engineering im DACH-Mittelstand: Es scheitert selten an der Technik, sondern an Führung und Kultur.

Zweitens die Datenbasis. Agenten sind nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeiten. Deshalb gehören eine Datenstrategie samt CRM, also einem System für Kundendaten und Kundenbeziehungen, und ein sauberer Prozess im Customer Relationship Management zur Grundausstattung. Wie du daraus einen Vertriebsmotor baust, zeigt der Hub zum GTM Engineering.

Wie startest du mit Entrepreneurship, und welche Fehler kosten dich Jahre?

Starte mit einem zahlenden Kunden, nicht mit einem Businessplan. Alles Weitere folgt aus dieser Reihenfolge. Konkret:

  • Entscheide das Geschäftsmodell bewusst: Dienstleistung, Produkt oder ein geplanter Übergang.
  • Definiere, wer dein Kunde ist und welches Problem du löst, bevor du Umfang aufbaust.
  • Miss wenige Zahlen ehrlich: Bleiben die Kunden? Rechnet sich die Gewinnung?
  • Führe einen festen Entscheidungsrhythmus ein, statt Sitzungen zu sammeln.
  • Zeig dich öffentlich: Founder-led Content, also Inhalte vom Gründer selbst, ist der Vorteil, den niemand kopieren kann.

Die teuersten Fehler sind die Spiegelbilder dieser Liste: skalieren, bevor die Kundenbindung es beweist. US-Playbooks eins zu eins kopieren, obwohl Recht, Kapitalstruktur und Kultur hier anders sind. Einstellen auf Hoffnung statt auf Zahlen. Harte Gespräche aufschieben, bis sie doppelt so teuer sind. Und der vielleicht teuerste Fehler: alles selbst machen wollen. Wer jede Aufgabe selbst erledigt, hat keinen Betrieb, sondern einen Job.

Die 72x-Kurve ist Portfolio-Mathematik, die Rule of 40 ist der nüchterne Massstab

Damit zurück zum Poster. Hypergrowth meint extremes Wachstum in kurzer Zeit. Dafür gibt es berühmte Playbooks, und die meisten stammen aus einer anderen Welt: Venture Capital, US-Markt, Billiggeld-Ära. Taugt das als Vorbild für DACH-Firmen? Meist nicht als Ziel, aber als Lehrbuch. Beide genannten Bücher lohnen den Blick, mit Abstand gelesen: Nimm die Werkzeuge, nicht die Ziele.

Das bekannteste Beispiel ist die T2D3-Formel von Stijn Hendrikse: Umsatz zweimal verdreifachen, dann dreimal verdoppeln, die Formel für 72-faches Wachstum in fünf Jahren. Diese Wachstumskurve ist Portfolio-Mathematik der Geldgeber, kein Naturgesetz für deine Firma. Ein Venture-Fonds braucht wenige extreme Ausreisser, damit sein Portfolio rentiert. Du brauchst das nicht.

Die nüchterne Alternative steht im selben Buch: die Rule of 40. Wachstumsrate und Gewinnmarge sollen zusammen mindestens 40 ergeben. Für selbstfinanzierte DACH-Firmen ist das der ehrlichere Massstab, weil er Wachstum und Profitabilität gegeneinander abwägt, statt Wachstum absolut zu setzen. Und The Science of Scaling von Mark Roberge erlaubt Skalieren ohnehin erst, wenn die eigenen Zahlen es beweisen.

Der rote Faden durch alles: Ich baue Systeme, die bleiben, wenn ich gehe. Das gilt für den Vertrieb, fürs Produkt und für die Firma selbst. Eine Firma, die nur läuft, solange der Gründer im Raum steht, ist kein Unternehmen, sondern eine Bühne. Und eine Wachstumskurve, die nur hält, solange frisches Geld nachfliesst, ist kein Beweis, sondern ein Countdown.

Ehrlich bauen: was am Ende zählt

Was glänzt: Reihenfolge halten funktioniert in jeder Kapitalstruktur. Erst Kundenbindung beweisen, dann skalieren, im Rhythmus statt im Schub: Diese Logik trägt die selbstfinanzierte Firma genauso wie das Startup mit Investoren.

Was nicht glänzt: Reihenfolge macht keine Schlagzeilen. Wer sauber baut, wächst langsamer, als das Poster verspricht, und erklärt das seinem Umfeld immer wieder. Geduld sieht von aussen wie Stillstand aus.

⚠️ Warnung: Die grösste Falle ist das kopierte Ziel. Wer die 72x-Kurve übernimmt, ohne die Kapitalstruktur dahinter, skaliert die Verbrennung statt die Firma. Zahlen aus US-Playbooks sind Hypothesen, keine Vorgaben.

Das Poster vom Anfang ist nicht falsch, es hängt nur im falschen Büro. Die Hockeyschläger-Kurve ist die Rechnung eines Fonds, nicht dein Bauplan. Dein Bauplan steht in deinen eigenen Zahlen: Bleiben die Kunden, rechnet sich die Gewinnung, hält das System auch ohne dich. Wenn du solche Notizen regelmässig lesen willst, abonniere meinen Newsletter.

Unten findest du alle Artikel zu diesem Thema, jeweils einfach beschrieben.

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Häufige Fragen

Produkt oder Agentur: Was ist der bessere Start?

Die Agentur finanziert sich selbst, bindet aber deine Zeit an Kundenprojekte. Das Produkt braucht Vorlauf, skaliert dafür unabhängig von deinen Stunden. Viele fahren beides: Die Agentur zahlt die Rechnungen, das Produkt baut die Zukunft. Wichtig ist, den Übergang bewusst zu planen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Skalieren?

Wenn deine Zahlen zwei Dinge beweisen: Kunden bleiben, und die Kundengewinnung rechnet sich wiederholbar. Vorher vergrösserst du nur die Verbrennung. Mark Roberge nennt dafür konkrete Schwellen: über 90% jährliche Kundenbindung, und die Vertriebskosten zahlen sich in unter 12 Monaten zurück.

Was unterscheidet DACH-Firmen von US-Playbooks?

Kapitalstruktur, Recht und Kultur. Viele DACH-Firmen sind selbstfinanziert und brauchen keine 72x-Kurve. Kalte Massenakquise ist rechtlich eingeschränkt. Und Käufer reagieren auf Substanz besser als auf Hochglanz. Die Prinzipien der Playbooks gelten, die Zahlen musst du übersetzen.

Wie schnell sollte ich mein Team vergrössern?

In einem Rhythmus, den deine Frühindikatoren tragen, nicht in einem grossen Schub. Mark Roberge beschreibt Skalieren als Einstellungsrhythmus: zum Beispiel zwei Verkäufer pro Quartal, dann beschleunigen oder pausieren, je nachdem, was die Zahlen sagen. Ich habe Aioma in 6 Monaten auf 30 Leute skaliert und dabei gelernt: Jede Einstellung braucht Prozesse, die vorher stehen.

Was ist die Rule of 40?

Eine Faustregel für gesundes Software-Wachstum: Wachstumsrate und Gewinnmarge sollen zusammen mindestens 40 ergeben. Stijn Hendrikse nennt sie in T2D3 als zweite Erfolgsdefinition neben der Hypergrowth-Kurve. Für selbstfinanzierte DACH-Firmen ist sie meist der passendere Massstab, weil sie Profitabilität gleich stark gewichtet wie Wachstum.